Film

Früh wird das junge Medium Film auch von bildenden Künstlern als Ausdrucksmittel entdeckt. Ausgehend von abstrakten Arbeiten hauptsächlich konstruktivistischer Künstler entsteht das Genre des abstrakten Films Anfang der 1920er Jahre.
Werner Graeff lernt bei Theo van Doesburg das Novembergruppen-Mitglied Hans Richter kennen, der zusammen mit dem Schweden Viking Eggeling Rollenbilder zeichnet, die dann auf Filmmaterial übertragen werden sollen. Eggeling versucht das System des Kontrabasses in der Musik auf den Film zu übernehmen, als Graeff sich mit beiden anfreundet.
Graeff selbst ist kein Filmmacher. Als er aber merkt, dass die Filmversuche Richters dem Medium und der Technik Film nicht entsprechen, entwirft er ebenfalls zwei abstrakte Filme als Rollenbilder, um die seiner Meinung nach richtige Arbeitsweise mit und an dem Medium zu verdeutlichen. Ganz im Stil der Zeit, in der dem Rhythmus programmatische Eigenschaften zugesprochen wird, nennt er sie: Filmpartitur I/22 und Filmpartitur II/22. "Filmpartitur II/22" erscheint 1923 als Druck mit einer schriftlichen Erläuterung zu ihrer Ausführung in der Zeitschrift "De Stijl".
Erst 1958, als Werner Graeff Leiter der Fachklasse für freie und angewandte Fotografie an der Essener Folkwangschule ist, setzt er die schwarz-weiße Partitur Komp. II/22 in einen Film um, die farbige Partitur Komp. I/22 sogar erst 1977. Die konzeptionellen Überlegungen, 1922 auf Papier gebracht, erwiesen sich also Jahre später als völlig richtig.
Mit Hans Richter arbeitet Graeff noch lange in anderen Projekten zusammen. 1923 gründen sie die Avantgarde-Zeitschrift "G" (bis 1926) und er ist Mitarbeiter bei Richters Filmbuch "Filmgegner von heute, Filmfreunde von morgen". Wie Graeffs Fotobuch "Es kommt der Neue Fotograf!" (an dem wiederum Richter mitarbeitet) erscheint dieses anläßlich der Werkbund-Ausstellung "Film und Foto" 1929 in Stuttgart. Für die Richter-Filme "Vormittagsspuk" (1927/28) und "Alles dreht sich, alles bewegt sich" (1929) schreibt Graeff die Manuskripte. Richter hilft Graeff 1936 in die Schweiz zu emigrieren und vielleicht in der Hoffnung auf weitere gemeinsame Projekte verfasst Graeff dort in den 1940er Jahren weitere Filmstoffe, die allerdings nicht realisiert werden.

Seine beiden Filme gibt Werner Graeff 1977 als 16mm-Kopien in einer limitierten Auflage, zusammen mit Siebdrucken der Filmpartitur-Grafiken und versehen mit einem ergänzenden Text, in einer Leinenkassette heraus.

Ab August 2009 werden die Filme von der Deutschen Kinemathek in Berlin verwaltet und können dort ausgeliehen werden.


Ausschnitt aus Komp. I/22, 1922

Ausschnitt aus Komp. II/22, 1922



Werner Graeff:

Über den Ursprung des abstrakten Films

(...) Ich darf von der (bis zum Frühjahr 1922) erstaunlichen filmischen Unkenntnis Richters Folgendes berichten.

Beim Betrachten seiner letzten Veröffentlichungen im "Stijl" (vom Februar 1922) war mir aufgefallen, daß diese damals als "Fragment Filmkomposition Schwer-Leicht" betitelte Arbeit aus einer Reihung von 10 (teils sehr komplizierten) Zeichnungen im Hochformat bestand, und ich nahm an, daß da eine mir nicht bekannte technische Notwendigkeit vorliegen müsse.

Als ich nun Richter wenig später erstmalig besuchte, hatte er gerade eine neue "Filmpartitur" in Arbeit - in späteren Jahren benannt "Fuge in Rot und Grün", irrtümlich datiert 1923. Sie wurde eben 1922 bei meinem ersten Besuch vollendet. Da auch hier wieder eine Folge von Hochformaten als "Filmmomente" dargestellt ist, so war meine erste Frage: "Warum sind dies alles Hochformate - die Leinwand liegt doch quer?" Richter war ganz verblüfft, das sei ihm noch gar nicht aufgefallen! Und er betrachtete mich fortan als "sein technisches Genie"! Von nun an entwarf er "Filmmomente" im Querformat 3:4.

Eben jene "Fuge in Rot und Grün" von 1922 stellte er sich als einen vorwiegend weiß auf schwarzem Grund aufzunehmenden Zeichentrickfilm vor: die Positivkopie sollte dann - Filmbildchen für Filmbildchen! rot und grün koloriert werden (Farbfilme gab es ja damals noch nicht). Er hoffte, daß Unregemäßigkeiten der Kolorierung bei dem schwarzen Grund nicht zu sehen sein würden. Von Film verstand ich bis dahin ebensowenig wie er: aber ich hatte von Jugend auf fotografiert und wußte auch mit Diapositiven Bescheid. So war mir klar, daß es bei der Projektion niemals einen total schwarzen Grund geben kann, folglich jedes farbige Wischen über eine zu tönende weiße Linie hinaus ins Schwarze hinein sichtbar bleibt. Daher erklärte ich dieses Vorhaben für aussichtslos und riet dringend, jeweils nur eine Farbe (am besten auch nur eine Figur) auf der Leinwand erscheinen zu lassen, danach die zweite Farbe allein, dann vielleicht wieder die erste - und so fort.

Um genauer zu erklären, wie ich das meinte, entwarf ich meine erste "Filmpartitur I/22". Es handelte sich um die grafische Notierung sehr einfacher Vorgänge in bestimmtem Tempo und Rhythmus. Als Zeiteinheit - sozusagen als Takt - legte ich 3/4 Sekunden fest. Da jeweils immer nur eine einzelne Farbe auf der Leinwand erscheinen sollte, so hätte man kurze Stücke Film rot oder blau oder gelb einfärben können. ("Virage" wurde das damals genannt), worauf die Komposition aneinanderzustückeln wäre. Jedenfalls war das eine Möglichkeit... (ideal fand ich sie nicht)

Im Herbst 1922 bekam ich Lust, eine weitere "Filmpartitur" - rein schwarz-weiß - aufzuzeichnen. Anlaß war ein erneuter Mißerfolg bei Richters Filmexperimenten. Unter mehreren Formen, die gleichzeitig im Bild waren, sollte die größte sich verkleinern, eine andere zunehmend sich vergrößern. Ohne genauere Anweisung ist es nicht erstaunlich, daß der Trickfilmzeichner die größere Figur (ein Quadrat) von Aufnahme zu Aufnahme gleichmäßig verringerte, die zweite Figur (ein Rechteck) jeweils um gleiche Beträge wachsen ließ.

Der Effekt dieser Probe war für Richter enttäuschend: die Figuren schienen sich zusammenzuziehen beziehungsweise zu dehnen, wogegen ihm eine räumliche Wirkung vorgeschwebt hätte. Das Quadrat sollte, kleiner werdend, in der Ferne verschwinden - es schrumpfte aber einfach in der Fläche, gewissermaßen an Ort und Stelle. Auch am primitivsten Tricktisch wäre eine perspektivische Wirkung durch eine Verkleinerung oder Vergrößerung der gezeichneten Figuren gemäß geometrischer Reihe (statt arithmetischer Reihe) zu erzielen, wie ich ihm erklären konnte.

Angesichts der bis 1921/22 enttäuschenden Vorversuche, die Eggeling und Richter gemacht hatten, riet ich, die meines Erachtens viel zu komplizierten Entwürfe zunächst beiseite zu lassen und mit äußerst einfachen Kompositionen zu beginnen. Als Beispiel eines ganz simplen Versuchs, wo jeweils immer nur eine einzige Figur - zu gleicher Zeit keine weitere - auf der Bildfläche erscheinen soll, zeichnete ich 1922 meine "Filmpartitur II/22". Sie wurde im folgenden Frühjahr (Heft V/1923 des "Stijl") samt genauer Erklärung und Angaben über Zeitmaß und Rhythmus veröffentlicht und ist seither oft nachgedruckt oder übersetzt worden. (...)

aus: "Film als Film. 1910 bis heute" (Köln, 1977/1978)


Werner Graeff mit Siebdrucken seiner Filmpartituren, 1970er Jahre
Werner Graeff mit Siebdrucken seiner Filmpartituren Komp. I/22 (unten) und Komp. II/22 (oben), 1970er Jahre



Texte Werner Graeffs zu diesem Thema


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